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Systemerklärung zum Thema Stürme und Sturmfluten

Als Stürme bezeichnet man atmosphärische Störungen, welche – begleitet von Wettererscheinungen wie starken Winden, Böen oder Starkniederschlägen – Auswirkungen auf der Erdoberfläche zeigen. In der Meteorologie wird ein einzelner Sturm durch ein Tiefdrucksystem mit seinen charakeristischen Wind-, Wolken- und Niederschlagserscheinungen charakterisiert. Die Bandbreite von Sturmereignissen reicht von eher kleinskaligen Erscheinungen wie Windhosen und Tornados über tropische Zyklone (z.B. Taifune, Hurrikane) bis hin zu den großskaligen Tiefdruckgebieten der gemäßigten Breiten (extra-tropische Zyklonen) mit einer Ausdehnung von etwa tausend Kilometern. Oft werden Stürme anhand ihrer (auffälligsten) Begeiterscheingung charakterisiert – z.B. als Windsturm, Hagel- oder Schneesturm.

Abbildung 1: Windfeld des Hurrikans Katrina am 28. August 2005 - 15:50 UTC, bevor er auf die Küste der USA traf. Das Windfeld wurde mit dem Programm WiSAR des GKSS Forschungszentrums aus Daten des Advanced Synthetic Aperture Radar (ASAR) des europäischen Satelliten ENVISAT erstellt.

Stürme über dem Meer stehen in Verbindung mit marinen Naturgefahren, von denen windinduzierte Wellen an der Meeresoberfläche und Sturmfluten das höchste Zerstörungspotential aufweisen. Erstere entstehen durch die Einwirkung des Windes auf die Meeresoberfläche und sind in ihrer Höhe und Periode in erster Linie von der Geschwindigkeit, der Wirkstrecke (engl. "fetch") sowie der Wirkdauer des Windes abhängig. Vereinfacht gesagt werden die Wellen mit zunehmender Geschwindigkeit, Wirkstrecke und -dauer des Windes höher und länger. Überschreitet die Wellenlänge das Zweifache der Wassertiefe, macht sich der Einfluss des Meeresbodens auf die Wellen bemerkbar (Flachwasserwellen). Im Flachwasserbereich ist die maximale Wellenhöhe durch die Wassertiefe begrenzt.

Da die Wellen an der Meeresoberfläche sehr variabel sind, ist es schwierig, deren Zustand durch die Charakterisierung einzelner Wellen zu beschreiben. Im Allgemeinen verwendet man dazu deshalb integrierte Parameter wie die signifikante Wellenhöhe oder Wellenperiode. Traditionell beziehen sich diese Parameter auf die durchschnittliche Höhe und Periode des höchsten Drittels der Wellen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums einen Beobachtungspunkt passieren. Bei der Angabe von Wellenhöhen und -perioden in Vorhersagen oder Analysen sind gewöhnlich die signifikanten Wellenparameter gemeint. Innerhalb dieser Bedingungen können jedoch auch einzelne, unerwartet hohe Wellen mit großer Steilheit auftreten. Solche Wellen sind im Allgemeinen unter dem Begriff "Extremwellen" oder ugs. "Monsterwellen" bekannt und können Schiffen, Ölplattformen und Anlagen im Offshorebereich ernsthaften Schaden zufügen.

Während die Gefahren, die von windinduzierten Wellen ausgehen, eine Bedrohung sowohl für das offene Meer als auch für die Küste darstellen, bedrohen Sturmfluten vor allem niedrig gelegene Küstenbereiche. Der Begriff "Sturmflut" beschreibt einen Anstieg oder einen Abfall des Meeresspiegels, der in erster Linie auf Winde, welche die Wassermassen an die Küste oder von ihr weg drücken und in zweiter Linie auf eine direkte Reaktion des Wasser auf den atmosphärischen Druck zurückzuführen ist: steigt der Luftdruck, wird der Wasserspiegel "niedergedrückt" – und umgekehrt. Sturmfluten treten im Zusammenhang mit atmosphärischen Tiefdrucksystemen auf. Dort ist der Luftdruck relativ gering, so dass der Meeresspiegel als direkte Reaktion darauf ansteigt. Der Anstieg beträgt typischerweise 1 cm pro 1 hPa atmosphärischen Druckabfalls und kann verstärkt werden, wenn sich der Sturm mit einer Geschwindigkeit nahe der von Flachwasserwellen über einen Kontinentalschelf bewegt. Gewöhnlich ist der Anstieg des Meerespiegels als Reaktion auf den Luftdruck jedoch klein im Vergleich zu dem Staueffekt, der dadurch verursacht wird, dass der Wind die Wassermassen in Richtung Küste drückt. Abhängig von der Region und der Art des Sturms können Sturmfluten Höhen von einigen Zentimetern bis zu mehr als 9 Metern erreichen. Die räumliche Dimension des Phänomens kann im Bereich von einigen Zehnerkilometern im Fall von tropischen Wirbelstürmen bis hin zu mehreren hundert Kilometern bei aussertropischen Zyklonen, die auf einen langen und seichten Küstenabschnitt treffen, liegen.

Die Häufigkeit und Intensität von Stürmen, Sturmfluten und extremen Wellenereignissen variiert sowohl von Jahr zu Jahr als auch über längere Zeitabschnitte. Ein Beispiel hierfür ist der Verlauf der Sturmaktivität über dem nordöstlichen Nordatlantik und der Nordsee (Abb. 2). Während der 60er Jahre war dort die Sturmaktivität relativ gering, stieg anschließend an und erreichte in den Jahren 1990 bis 1995 Werte wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach 1995 fiel die Sturmaktivität in der Region wieder ab. Der Anstieg zwischen 1960 und 1995 wurde in vielen Studien aufgrund der zu geringen Länge des betrachteten Zeitabschnitts oder inhomogener Daten überbewertet. Die Langzeitvariabilität von Sturmfluten und extremen Wellenereignissen ist jener der Sturmaktivität in dieser Region sehr ähnlich.

Abbildung 2: Sturmindex als Maß für die Sturmaktivität im nordöstlichen Nordatlantik und in der Nordsee. Der Index basiert auf Perzentilen der geostrophischen Windgeschwindigkeit, ermittelt aus Stationsdruckdaten. Aktualisierte Version des Diagramms nach Alexandersson et al. (2000).

Im Zusammenhang mit dem anthropogen verursachten Klimawandel wird auch eine Zunahme der Intensität des Sturm-, Wellen- und Sturmflutklimas diskutiert. Szenarien, die auf angenommenen Emissionen sowie auf globalen und regionalen Klimamodellen basieren, weisen auf eine leichte Zunahme der Gefährdung durch Sturmaktivität, Sturmfluten und Seegang in der Nordsee hin. Für das Ende des Jahrhunderts wird eine Zunahme um bis zu 10% erwartet; ein Wert, der vom zugrunde liegenden Emissionsszenario weitgehend unabhängig ist. Wird nicht nur die Zunahme der Windaktivität, sondern auch der Anstieg des Meeresvolumens berücksichtigt, kann für die Deutsche Bucht von einem Anstieg der Extremwasserstände um 20 cm bis 2030 und um 70 cm bis 2085 ausgegangen werden.


Referenzen

Alexandersson, H., T. Schmith, K. Iden and H. Tuomenvirta, 2000: Trends of storms in NW Europe derived from an updated pressure data set. Clim. Res. 14:71-73

 

 

 
Quelle: THW
Teilnehmende Helmholtz-Zentren:
Alfred-Wegener-Institut (AWI)
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ Potsdam)
GKSS Forschungszentrum Geesthacht